Pankreas-Darm-Leber-Achse

Zusammenhänge - Symptome - Therapie bei Störungen




Ergänzend zu diesem Blogartikel empfehlen sich Die Leber - Checkpoint des Körpers und Energielieferantin der Blogartikel Bauchspeicheldrüse-Darm-Hirn-Achse.


Diese Achse gewinnt in diesem Blogartikel ein neues Mitglied:die Leber. Was es damit auf sich erfahren Sie hier:


Das Darm-Mikrobiom ist an zahlreichen Stoffwechsel- und Immunfunktionen beteiligt. Dazu zählen der Erhalt der Darmbarriere, der Schutz gegenüber pathogenen Mikroorganismen, der Abbau unverdaulicher Nahrungsinhaltsstoffe, die Modulation des Stoffwechsels sowie die Modulation des gastrointestinalen Immunsystems. Wesentlich für die Einflüsse des Mikrobioms ist u.a, die bidirektionale Darm-Leber-Achse: Diese beiden Organe stehen in anatomischem und funktionellem Zusammenhang.


Milliarden Mikroorganismen - Mikroben - bilden beim Menschen das Mikrobiom. Es besiedelt den Darm und andere innere Organe, die Haut und die Nasenhöhle. Die Mikroben leben in einer engen Symbiose mit dem Mensch und beeinflussen seine Körperfunktionen. Die meisten Bakterien befinden sich im Gastrointestinaltrakt, wobei der Darm nicht nur die höchste Bakterienzahl aufweist, sondern sich seine Besiedelung mit Mikroben auch weitreichend auf die Gesundheit auswirkt.


Störungen entlang dieser Achse – ausgelöst etwa durch eine Dysbalance des Darm-Mikrobioms oder erhöhte intestinale Permeabilität – führen dazu, dass vermehrt bakterielle Bestandteile in die Zirkulation kommen, die in der Leber zu Entzündungsreaktionen führen können.


Das Zusammenspiel von Darm und Leber ist bereits recht gut erforscht. Besonders die Interaktionen zwischen Gallensäuren und Mikrobiom sind spannend: Die in der Leber "produzierten" Gallensäuren werden durch das Darm-Mikrobiom in eine zweite Form umgewandelt. Gallensäuren regulieren eine Überwucherung des Darms, vermeiden das Ungleichgewicht des Mikrobioms und verhindern so in der Leber die Bildung proinflammatorischer (entzündlicher) Botenstoffe.



Es gibt erwiesenermaßen eine Darm-Leber-Achse. Wie kann man sich das im Detail vorstellen?

Unter der Darm-Leber-Achse versteht man den anatomischen und funktionellen Zusammenhang zwischen Darm und Leber. Die Darmbarriere ist aus mehreren Schichten aufgebaut – zuerst die Bakterien des Darmmikrobioms und die Schleimschicht, dann das Darmepithel mit seinen Zell-Zell-Verbindungen und darunter das Darmimmunsystem.


Durch diese ausgeklügelte Barriere wird der Übertritt von bakteriellen Produkten und die Produktion von anderen Signalmolekülen, den Zytokinen, die dann über die Pfortader in die Leber kommen, reguliert. Unter normalen Bedingungen treten nur wenige bakterielle Bestandteile – zum Beispiel Endotoxine oder bakterielle DNA – in das Blut über, und diese werden dann in der Leber rasch eliminiert.


Bei einer Störung der Darm-Leber-Achse kommt es zu einem vermehrten Übertritt von bakteriellen Bestandteilen in die Zirkulation, die dann im Darm und in der Leber zu einer Entzündungsreaktion führen können. Diese Störungen können auf einer gestörten Zusammensetzung oder Funktion des Mikrobioms, einer erhöhten Darmpermeabilität sowie einer gestörten Immunabwehr im Darm beruhen.


Bei Lebererkrankungen findet man Störungen der Zusammensetzung des Mikrobioms, eine erhöhte Darmpermeabilität sowie eine gestörte intestinale Immunabwehr. Dadurch treten deutlich mehr bakterielle Produkte in die Zirkulation über. Durch die Leberschädigung ist auch die Elimination von Endotoxin gestört, und es kommt zu einer Aktivierung proinflammatorischer Signalkaskaden (zum Beispiel über Toll-like-Rezeptor 4). Besonders untersucht wurde dieser Zusammenhang bei der nichtalkoholischen Fettleber (NAFLD) und der Leberzirrhose.


Gibt es Krankheiten, die aus Problemen entlang der Darm-Leber-Achse resultieren können?


Lebererkrankungen wie die Leberzirrhose oder die alkoholische und die nichtalkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD) sind die ersten Krankheitsbilder, bei denen eine Störung der Darm-Leber-Achse nachgewiesen wurde.

“Auffällig sei vor allem das Vorkommen typischer Mundkeime wie Veillonella und Streptococcus in vermehrter Anzahl im Darm. „Es kommt also gewissermaßen zu einer ‚Oralisierung‘ des Darmmikrobioms.“ Parallel dazu nimmt die Anzahl an Bakterien ab, denen positive ­Wirkungen auf den Menschen zugeschrieben werden. Stadlbauer-Köllner nennt hier als Beispiel den Butyrat-Produzenten Faecalibacterium prausnitzii.


Inwieweit auch Arzneimittel einen Einfluss hatten, wurde in der Arbeit nicht im Detail untersucht. „Allerdings konnten wir zeigen, dass die Dysbiose bei Leberzirrhose durch die Ursache und den Schweregrad der Lebererkrankung, durch Medikamenteneinnahme – insbesondere Protonenpumpenhemmer – und Inflammation erklärbar ist“, sagt Stadlbauer-Köllner.


Studien zeigten, dass bei NAFLD Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmbakterien zu einer vermehrten endogenen Alkoholproduktion, einer erhöhten Darmpermeabilität und damit einhergehenden verstärkten Endotoxinämie sowie zu einer veränderten inflammatorischen Reaktion führen. Verschiedene Studien haben versucht, Zusammenhänge zwischen der Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms und NAFLD herzustellen, bisher sind die Ergebnisse allerdings noch nicht konsistent.


Hier führt die Studie aus: "Eine fettreiche Diät führt vermutlich zu Veränderungen des Mikrobioms, die wiederum zu einer vermehrten Bildung von kurzkettigen Fettsäuren und einer vermehrten Alkoholproduktion führen." Im Falle einer exokrinen Pankreasinsuffizienz erreichen Fette trotz Einnahme von Pankreatin in Form von Kapseln zu den Mahlzeiten den Dickdarm, ohne resorbiert zu werden. Die Studie führt weiter aus: "Cholin in der Nahrung führt zur Bildung von Trimethylamin. Das alles führt in der Leber zu vermehrter Fetteinlagerung und vermehrter Inflammation.


Sind Erschöpfungszustände möglich?

Erschöpfungszustände sind ein multifaktorielles Problem, das in der medizinischen Wissenschaft schwierig zu untersuchen ist, da sie mit vielen organischen Erkrankungen aber auch mit psychischen Problemen zusammenhängen können. Eine Entzündungsreaktion im Körper, wie sie meistens bei Problemen an der Darm-Leber-Achse auftritt, kann mit Erschöpfungszuständen verbunden sein. Wir konnten in unserer Studie zu Probiotika bei Leberzirrhose zeigen, dass die probiotische Therapie die Lebensqualität verbessert hat, unter anderem den Teilaspekt der Vitalität. Das deutet auf einen möglichen Zusammenhang hin, muss aber noch detaillierter untersucht werden.



Wie beeinflusst eine exokrine Pankreasinsuffizienz diese Prozesse?


Werden zu wenig Verdauungssäfte und -sekrete gebildet, liegt eine exokrine Pankreasinsuffizienz vor. Der Darm kann die Nährstoffe nicht mehr resorbieren, weil sie nicht in ihre Bestandteile aufgebrochen und teils unverdaut ausgeschieden werden. Bis zu einem gewissen Maße übernehmen Darm-Bakterien die Verdauung, wodurch Fäulnis-Prozesse in Gang gesetzt werden. Durch die Veränderungen im Darm-Milieu sind die anaeroben Symbionten der Darmflora im Vorteil und vermehren sich rasant. Sie verdrängen andere Keime und die Zusammensetzung des Mikrobioms verändert sich. Die so entstehende Dysbiose verursacht eine Reihe anderer Krankheiten


Wie lässt sich die Achse positiv beeinflussen?

Das Darm-Mikrobiom ist sehr stark von der Ernährung abhängig. Mit einer vielfältigen und ausgewogenen Ernährung kann man die Vielfalt der Darmbakterien erhöhen und damit die Funktion des Mikrobioms als Ganzes verbessern. Verschiedene Medikamente beeinflussen die Darm-Leber-Achse, da muss aber noch einiges an Forschung investiert werden, um herauszufinden, welche Medikamente sich in welcher klinischen Situation positiv und welche negativ auswirken.


Prä-, Pro- und Synbiotika, also lebende, gesundheitsfördernde Bakterien und Ballaststoffe, die das Wachstum dieser Bakterien fördern, sind eine gute Möglichkeit, um die Darm-Leber-Achse positiv zu beeinflussen. Auch da ist es aber wichtig, dass zu jedem Präparat und zu jeder Fragestellung qualitativ gute Studienergebnisse vorliegen. Zusätzlich muss beachtet werden, dass es nicht DAS Probiotikum gibt – genausowenig wie es DAS Antibiotikum gibt. Jeder untersuchte Stamm kann spezifische Wirkungen haben – wenn ein Bakterien-Stamm bei einer bestimmten Indikation keine Wirkung zeigt, kann daraus nicht geschlossen werden, dass die gesamte Gattung unwirksam ist.


Die Stuhltransplantation, die in bestimmten klinischen Situationen schon zur Standardtherapie zählt, ist ein massiver Eingriff in dieses System und wird bei schwerwiegenden Erkrankungen sicher seinen Platz im therapeutischen Spektrum finden. Die Weiterentwicklung dieser Therapien ist ein spannendes klinisches Gebiet, das in den nächsten Jahren sicher immer mehr an Wichtigkeit gewinnen wird.


Für die Modulation des Mikrobioms können Prä- und Probiotika eingesetzt werden.
Präbiotika wie Frukto- und Galakto­oligosaccharide fördern das Wachstum von F. prausnitzii und haben damit indirekt eine antiinflammatorische Wirkung im Darm.
Der Einsatz von Probiotika zur Verbesserung der Leberfunktion ist ein vielversprechendes Therapieziel.
Positive Studienresultate gibt es zur Kombination von Pro- und Präbiotika.

Darm-Leber-Achse: lebende Bakterien als Helfer

Darm und Leber hängen anatomisch und funktionell zusammen.
Ist diese Achse gestört, geraten vermehrt bakterielle Bestandteile in die Zirkulation, und es kann zu Entzündungsreaktionen in den beiden Organen kommen.
Menschen mit NAFLD haben Untersuchungen zufolge eine höhere Anfälligkeit für mikrobielle Dysbiosen. U.a. wurde ein erhöhtes Vorkommen von Escherichia coli ermittelt.
Präbiotika, Probiotika und Synbiotika können die Achse positiv beeinflussen.

Eine Metaanalyse hat gezeigt, dass Synbiotika (bei Anwendung über einen Zeitraum von mindestens acht Wochen) die Leberwerte (AST, ALT, GGT) verbessern können.




Was braucht es in einer Zeit der Abkehr von der „One-size-fits-all“– hin zur Präzisionsmedizin" , den Darm und sein Mikrobiom nach Pankreasteil- oder Totalresektionen selbstverständlich in den Fokus der medizinischen Aufmerksamkeit und standardisierten Langzeitbehandlung zu rücken?


Was braucht es, dass 2020 die regelmäßige Bestimmungen des Darm-Mikrobioms mittels Stuhlanalyse und die gezielte Behandlung eine Dysbiose in den Pankreatitis-Behandlungsstandard integriert werden?


Was braucht es, um eine intestinale Histaminose als mögliche Folge einer Pankreasinsuffizienz in das Behandlungsschema zu integrieren mittels gezielter Behandlung entgegenzuwirken?


Wie ist es zu rechtfertigen, dass Pankreatitis-Patient*innen in Österreich, Sozialbersicherungsbeitrags-Zahler*innen, für die notwendige Bestimmung dysbioserelevanter Stuhlparamter und daraus resultierender Behandlung mit abgestimmten Mikrobiotika privat aufkommen müssen?


Doris Lang, Obfrau Pankreatitis Austria

Dieser Blogbeitrag entsteht, weil Betroffene der Komorbidität Darm-Dysbiose bei Chronischer Pankreatitis selbst für diagnostische Bestimmung und Medikation einer Dysbiose sorgen und finanzieren müssen.

Es ist höchste Zeit, die Langzeit-Behandlung Pankreatitis-Betroffener den organischen und psychosozialen Erfordernissen Betroffener und den bestehenden medizinischen Möglichkeiten anzugleichen. In Kliniken, im niedergelassenen Bereich, in der ÖGK, in der Öffentlichkeit, in der Politik, in der Gesellschaft: für eine PATIENT*INNENORIENTIERTE Medizin im Sinn der Österreichischen Patienten-Charta!

Keine Krankheit kann zuseltensein, um ihr Aufmerksamkeit zu schenken.



Literatur

Beratung • Apo-K 11|2020 • 05.06.2020

Mikrobiom • AEK 18|2019 • 20.09.2019 ;

Beratung• Apo-K 03|2020• 14.02.2020 | MedUniWien


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